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05.03.2018

LEERMEISTER

Gestank und Dreck gehören zur täglichen Arbeit: Doch Axel und Waldemar mögen ihren Job bei der Müllabfuhr. Warum?


Der Gestank in der Halle hält sich in Grenzen. "Restmüll geht eigentlich", ruft Axel aus dem Lkw-Führerhaus. "Aber komm mal im Sommer bei 35 Grad her, wenn wir Biomüll abladen." Er selbst rieche das schon gar nicht mehr. "Wenn du empfindlich bist, brauchst du bei der Müllabfuhr gar nicht erst anzufangen", sagt er und freut sich auf seinen Feierabend.

Etwa neun Stunden, bevor sie das Abfallwirtschaftszentrum des ZAKB erreichen, ist für Axel Beyer und Waldemar Kinder, beide 56, Dienstbeginn. Um 6.30 Uhr geht es für die Müllmänner in Gernsheim los. Kurzer Klamottenwechsel, schneller Kaffee und schon beginnt die Tour, die heute nach Heppenheim führt. "Hallo, ich bin der Axel", stellt sich der Fahrer vor. "Und das ist meiner", sagt er und klopft dabei auf das Armaturenbrett seines MAN mit dem Kennzeichen HP-ZA-53. Fast immer sei er mit diesem Auto unterwegs.

Jeder Bewohner im Kreis produziert im Jahr 315 Kilo Müll

Aktuell ist Nebensaison. Bei den Behältertouren - Restmüll, Bio und Papier - sind täglich 18 Fahrzeuge im ZAKB-Gebiet im Einsatz. "Während der Saison mit wöchentlichen Biomüll-Leerungen sogar bis zu 25", erklärt ZAKB-Verbandsgeschäftsführer Gerhard Goliasch. Davon sind täglich zwei Fahrzeuge in Heppenheim und zwei in Lampertheim unterwegs. "Der Großteil dieser Fahrzeugflotte ist derzeit noch in Gernsheim stationiert", so Goliasch. Doch der Fuhrpark soll bis 2020 an den Hauptsitz des Zweckverbands nach Hüttenfeld verlegt werden. Ein Team besteht aus zwei Müllwerkern, so die offizielle Berufsbezeichnung. Einer fährt. Der andere lädt. Axel Beyer und Waldemar Kinder sind seit 20 Jahren dabei, seit 13 Jahren sind sie ein Team. "Wir verstehen uns blind", sagt Axel. "Ich muss nur in den Spiegel schauen, dann weiß ich, was er denkt."

Es gibt Tage, an denen ist es kalt. Und es gibt Tage, an denen ist es nass. Heute ist es kalt und nass. Die Restmüll-Tour führt in den Heppenheimer Süden. Dort, zwischen Bruchsee und Kreiskrankenhaus, haben die Bewohner ihre schwarze Tonne rausgestellt. Während Waldemar draußen im Regen einen Behälter nach dem anderen leert, muss Axel durch die Straßen rangieren. "Der Plan ist hier oben drin", sagt Axel und tippt sich an den Kopf. 99 Prozent des Gebiets kenne er, "in Heppenheim sogar jeden Strauch und Baum".

Eine klassische Ausbildung zum Müllmann existiert nicht. "Es gibt eine dreijährige anerkannte Ausbildung zum Berufskraftfahrer, in der wir derzeit aber noch nicht ausbilden", sagt Goliasch. "Ein Lader bei uns benötigt keine spezielle Ausbildung. Wir ermöglichen guten und erfahrenen Ladern bei Interesse den Erwerb des Führerscheins", so der Verbandsgeschäftsführer. "Danach werden diese bei uns eingesetzt." Axel im Führerhaus und Waldemar auf dem Trittbrett haben die Zwengerstraße erreicht. Der Regen kennt kein Erbarmen. Macht ihm das Wetter etwas aus? "Ach was", winkt Waldemar ab. Der 56-Jährige aus Kirgistan ist kein Mann großer Worte. "Meine Kleidung ist dicht", sagt er und widmet sich seiner Arbeit. "Ändern können wir es eh nicht", ergänzt Axel, der mittlerweile ausgestiegen ist, um beim Leeren einer großen Tonne vor einem Hochhaus zu helfen. Axel ist einer der letzten, die noch einen reinen Fahrervertrag haben. "Aber ich scheue mich auch nicht davor, zu laden", sagt der Gernsheimer. Bei großen Behältern geht es sowieso nur zu zweit. "Da kann ich nicht sitzen bleiben und in der Nase bohren." Zweimal steuern die beiden das Abfallwirtschaftszentrum an. Beim ersten Abladen vor der Mittagspause kippt Axel zehn Tonnen Müll ab.

2016 haben die Bürger im Kreis Bergstraße 84.313 Tonnen Müll produziert. Das entspricht 315 Kilogramm pro Einwohner. Im Vergleich hat der Bergsträßer damit 18 Kilo Müll weniger produziert als der Durchschnittshesse. "Der Restmüll wird in Mannheim oder Darmstadt verbrannt", erklärt Gerhard Goliasch. Bioabfall werde in der Biogasanlage Heppenheim verarbeitet. "Und das Papier wird als Altpapier vermarktet." Axel und Waldemar sind am Alten Neckar angekommen. Eine große Erleichterung ist für den Fahrer die Rückfahrkamera. "Mein kleiner Fernseher", nennt es Axel. "Außer Spielfilmen läuft da alles". Er lacht. Damit sieht er genau, wann Waldemar die Tonne geleert hat. "Dennoch sollte es nie zur Routine werden." Auch nach der 700. Tonne nicht. Jeden Tag sind die beiden im Verkehr gefordert. "Zugeparkte Straßen sind das Hauptproblem", erzählt der Mann mit dem Truckerbart. Da gibt es nur zwei Möglichkeiten. "Ich muss auf mich aufmerksam machen." Also hupen. "Oder an den Türen klingeln." Das kostet Zeit. Und Nerven. Ist keiner anzutreffen, muss das Müllauto später noch mal vorfahren. Sollte der Weg dann immer noch versperrt sein, bleibt der Müll stehen. Herausfordernd ist auch die Altstadt mit ihren engen Gassen.

Hinter dem MAN muss in der Martin-Buber-Straße ein Auto warten. "Es gibt schon einige, die hupen und schimpfen", erzählt Axel. Aber die meisten seien einsichtig. Stark befahrene Straßen sollen die Müllwerker im Berufsverkehr meiden. "Die Ludwigstraße vor 7.30 Uhr anzufahren macht keinen Sinn - da ist die Hölle los", sagt der Fahrer. Bei manchen Touren ist es schlichtweg nicht möglich. Axel stammt aus Cottbus. Nach der Wende kommt er durch seinen Cousin nach Trebur. Zwei Tage später hat er den Job in Gernsheim, eine Wohnung bekommt er auch. "Wie ein Sechser im Lotto", nennt er es. "Am 15. März 1998 um 6 Uhr bin ich zum ersten Mal zum Dienst angetreten", kann er sich genau erinnern. Und er zahlt es seinem Arbeitgeber zurück. "Mir gefällt die Arbeit sehr gut", sagt er. "Für mich ist das optimal: Morgens geht es früh aus dem Haus und nachmittags bin ich in der Regel pünktlich zu Hause." Die Technik des zehn Meter langen Fahrzeugs begeistert ihn. "Wenn dann noch die Sonne scheint, habe ich richtig gute Laune." Doch ihm ist auch aufgefallen: "Die Drecksarbeit will keiner mehr machen."

Kraftfahrer sind derzeit begehrt

Derzeit sind in den beiden GmbHs des ZAKB 67 Mitarbeiter als Kraftfahrer und Lader angestellt. Alles Männer. "Die Bewerberzahlen sind schwankend", erzählt Goliasch. "Derzeit suchen wir verstärkt Kraftfahrer mit dem Führerschein CE. Aber auch Lader können sich jederzeit gerne bewerben." Die Quote an ausländischen Mitarbeitern unter allen Beschäftigten des ZAKB beträgt derzeit 13,43 Prozent.

In der Dr.-Heinrich-Winter-Straße schneidet eine Frau die Kurve, muss aber stark abbremsen, als sie das Müllauto bemerkt. "Tja Mädel, ich bin stärker als du, da kannste rasen wie du willst", sagt Axel. Gegen 15 Uhr erreichen die zwei das Abfallwirtschaftszentrum. Der Regen hat nachgelassen. "Alles trocken", bestätigt Waldemar. Er lotst seinen Fahrer rückwärts in die Halle. Dann öffnet sich die Heckklappe und acht Tonnen Restmüll stürzen zu Boden. Für die beiden Arbeiter war's das. Waldemar steigt endlich ins warme Führerhaus. Nur noch zurück nach Gernsheim, dann ist Feierabend. Bis es am nächsten Tag um 6.30 Uhr wieder losgeht - und der nächste Müll abgeholt werden will.

Artikel vom 24.02.2018, Starkenburger Echo

 

 

Etwas mehr Wertschätzung

Bestimmt jeder hat schon einmal in seinem Leben die Müllabfuhr verflucht. Entweder versperrt das dicke Auto die Straße, obwohl man es doch so eilig hat. Oder die Männer vom ZAKB stellen die Tonne nicht wieder dorthin, wo man sie abgestellt hat. Hin und wieder bleibt auch eine Verpackung auf dem Boden zurück. Für manche Bürger der Aufreger schlechthin. Aber wenn man ehrlich zu sich ist, sind das Kleinigkeiten, über denen man eigentlich ohne mit der Wimper zu zucken drüberstehen sollte – sogenannte First-World-Problems. Denn weil mit der Leerung in der Regel alles reibungslos läuft, vergisst man manchmal, wie gut es den Menschen hier mit einem funktionierenden Entsorgungssystem geht. Wenn die Tonne trotz Schnee, Eis, Regen oder Sturm leer ist, wird das als Selbstverständlichkeit

hingenommen. Der Aufschrei ist dann groß, wenn der Müll mal nicht abgeholt wird. Da muss man nur mal

nach Spanien oder Griechenland schauen, wo die Straßen im Müll versinken, wenn die Müllabfuhr streikt. Vom Gestank ganz zu schweigen. Von daher sollte man den Männern in Orange etwas mehr Wertschätzung entgegenbringen. Sie machen jeden Tag aufs Neue einen harten Job, dürfen keine empfindliche Nase oder Angst vor Dreck haben. Es gibt Tage, da stehen sie acht Stunden im Regen, nur damit man den nächsten Müll fabrizieren kann. Daran sollte man vielleicht mal denken, wenn man das nächste Mal ungeduldig in der Straße wartet und an dem dicken Müllauto nicht vorbeikommt.

Kommentar Matthias Rebsch zum Artikel "Leermeister" vom 24.02.2018